Der Fremde – L´étranger
- Walter Gasperi
- 15. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

François Ozons Adaption von Albert Camus´ existentialistischem Roman ist von Zurückhaltung und Respekt gekennzeichnet, setzt aber mit der stärkeren Thematisierung von Kolonialismus und Rassismus auch eigene Akzente: Eine kühle Literaturverfilmung, die durch die bestechenden Schwarzweißbilder und den genau kontrollierten Erzählrhythmus große Intensität entwickelt.
Schon 1967 hat Luchino Visconti Albert Camus´ 1942 erschienen Roman "L´étranger" mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt. Bestenfalls gemischt fielen damals die Kritiken aus, eine Neubetrachtung wäre anlässlich von François Ozons Neuverfilmung reizvoll.
Ein Unterschied ergibt sich zwischen den beiden Verfilmungen schon dadurch, dass Visconti in Farbe, Ozon aber in Schwarzweiß drehte. Fast mehr noch als durch Kostüme und Ausstattung evoziert er durch die exquisiten Bilder von Kameramann Manuel Dacosse die Stimmung des Algeriens der späten 1930er Jahre. Keinen visuellen Bruch gibt es hier zwischen dem Marcel Pagnol-Film " Le Schpountz" (1938), den der Protagonist Meursault (Benjamin Voisin) und seine Geliebte Marie (Rebecca Marder) im Kino sehen, und dem eigentlichen Film.
Zudem hat Ozon, der mit "Der Fremde" erstmals einen klassischen Roman verfilmt hat und erneut seine Vielseitigkeit beweist, Wochenschaumaterial vorangestellt, in dem die französische Kolonialmacht die kulturelle Förderung des angeblich einst so chaotischen Algier feiert. Spannungen werden hier aber schon sichtbar, wenn einem Graffiti, das die Unabhängigkeit Algeriens fordert, ein "Vive la France" auf einem Plakat gegenübersteht.
Dieses Spannungsfeld von französischer Kolonialmacht und arabischer Bevölkerung wird auch akzentuiert, wenn der Franzose Meursault in der ersten Szene in eine Gefängniszelle geworfen wird, die gefüllt mit Arabern ist. Wie im klassischen Film noir bestimmt Determinismus den Film, wenn er auf die Frage nach seinem Vergehen antwortet "Ich habe einen Araber getötet" und eine Rückblende einsetzt: Das Ende ist von Anfang an vorbestimmt, unweigerlich muss die Handlung auf den Mord hinauslaufen.
Eindrücklich vermittelt Ozon in seiner kühlen Inszenierung die Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit Meursaults und wird dabei vom zurückhaltenden, aber intensiven Spiel Benjamin Voisins großartig unterstützt. An zwei markanten Stellen lässt er seinen Protagonisten zwar im Voice-over direkt seine Sicht der Dinge kommentieren, dennoch bleibt dieser Mann undurchschaubar und Ozon versucht auch nichts zu erklären, sondern beschränkt sich auf die präzise Schilderung.
Ungerührt beobachtet der junge Franzose so, wie ein Nachbar seinen Hund immer wieder schlägt oder wie sein grober Freund seine arabische Geliebte verprügelt. Keine Emotionen zeigt er bei Tod und Begräbnis seiner Mutter und greift auch nicht helfend ein, als der Liebhaber der Mutter beim Begräbnis einen Zusammenbruch erleidet.
Auch in der Beziehung zu Marie agiert er passiv: Nicht er spricht sie beim Baden am Meer an, sondern sie ihn, während sie beim Kinobesuch immer wieder lacht, verzieht er keine Miene und auf die Frage, ob er sie liebe, antwortet er ausweichend. Nur das Körperliche scheint es in dieser Beziehung zu geben, aber von Seiten Meursaults keine Gefühle.
Immer wieder spielt Ozon mit dem Gegensatz zwischen gleißendem Licht und Hitze auf der einen Seite und der Kälte und Undurchschaubarkeit seines Protagonisten auf der anderen. Zum überhellen Schein der Lampe in Meursaults Wohnung kommt immer wieder die vom Himmel brennende Sonne und auch beim Mord steigern Lichtreflexe und die Musik die Intensität. Zudem kommt in dieser Szene mit Detailaufnahmen vom Körper des Arabers Homoerotik und ein verdrängtes homosexuelles Begehren als mögliches Tatmotiv ins Spiel.
Ziemlich genau in der Mitte des Films geschieht dieser Mord, nach dem "Der Fremde" formal zu einem klassischen Gerichtsfilm wird, bei dem es aber nicht um Schuld oder Unschuld des Angeklagten geht, sondern vielmehr um seine Gleichgültigkeit gegenüber der Welt. Auch hier akzentuiert Ozon die Kolonialismus- und Rassismuskritik, wenn das französische Gericht Meursault nicht für den Mord, sondern für seine Emotionslosigkeit angesichts des Todes der Mutter verurteilt.
Der Missachtung des Opfers durch die französische Kolonialgesellschaft stellt Ozon aber ein Schlussbild gegenüber, das dem Grab des ermordeten Arabers, der erst auf dem Grabstein einen Namen bekommt, und seiner trauernden Schwester gehört. Auf ein Spiel mit dem Roman und Brechungen verzichtet der 58-jährige Franzose in seiner in ihrer Sorgfalt meisterhaften Verfilmung dagegen bis zum Abspann, wenn er mit dem von Camus´ Roman inspirierten Song "Killing an Arab" von The Cure, der bei seinem Erscheinen 1978 heftige Diskussion und Rassismusvorwürfe auslöste, den Bogen von den späten 1930er Jahren in die Zukunft schlägt und der Rassismusfrage Aktualität verleiht.
Der Fremde – L´étranger
Frankreich 2025
Regie: François Ozon
mit: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud
Länge: 123 min.
Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn und im Kino GUK in Feldkirch. - Ab 19.2. in den Schweizer Kinos.
Trailer zu "Der Fremde - L´étranger"
